Schwarzer Tourismus – Ein paar Gedanken

Disclaimer: Leicht melancholischer Beitrag!

Die liebe Michelle von „The road most travelled“ hat zu einer interessanten Blogparade aufgerufen. Es geht um Schwarzen Tourismus!

Schwarzer Tourismus? Was ist denn das? Wikipedia definiert es so:

Katastrophentourismus ist die Bezeichnung für eine Art des Reisens, die in erster Linie die Schaulust nach einem Katastrophenfall bedient. Sie findet sowohl für organisiert anreisende Gruppen als auch für massenweisen Individualtourismus zu der Katastrophenstelle Anwendung. Eine modernere Verallgemeinerung, die auch Konzentrationslager und Kriegsschauplätze einschließt, ist Dark tourism oder Schwarzer Tourismus. Eine begriffliche Überlappung gibt es auch zum älteren Begriff „Schlachtenbummler.“

Quelle: wikipedia.org/wiki/Katastrophentourismus [eingesehen am 07.07.2019]

Wie man hier schon herauslesen kann, geht es um Orte, deren Besuch in Zusammenhang mit einer Katastrophe oder einem stark negativen Ereignis steht:

  • Konzentrationslager
  • Brutale Schlachtfelder der Weltkriege (Verdun, Orte des Winterkrieges, Normandie,…)
  • Orte des Genozides: Ruanda, Killing Fields in Kamboscha,…)
  • Heutige Kriegsgebiete
  • Orte an denen Serienmörder gewirkt oder gelebt haben
  • Orte an denen Natur- oder sonstige Katastrophen passiert sind oder aktuell passieren: Tschernobyl, Fukushima, New Orleans während Hurrican Katrina, Überschwemmungen in De, At und Ch 2005,..)
  • Museen, welche sich mit Tod beschäftigen
  • Pariser Katakomben oder ähnliche Stätten wie Knochenkirchen
  • Gefängnisse (Alcatraz, Stasi-Gefängnisse,…)
  • Alte Psychiatrien
  • ….

Ihr seht, wenn man es ganz düster ausdrücken will, so sind es Orte, an welchen man sich an dem Leid anderer ergötzen will. Tatsächlich wird Schwarzer Tourismus gerne mit Voyeurismus in Verbindung gebracht. Wahrscheinlich hat jeder von uns, vermutlich nicht mit diesen Hintergedanken, so einen Ort besucht. Meine früheste Erinnerung zu diesem Thema war der Besuch des KZ Mauthausen nahe Linz. Damals sind wir dort im Zuge der Wien-Woche in der 4. Klasse Hauptschule hin. Andere Orte waren zum Beispiel der Besuch eines Stasi-Gefängnisses nahe Berlin während einer Exkursion oder, ein anderer Ausflug, der mir nach wie vor sehr in Erinnerung geblieben ist. Das war der Besuch in Oberwart und das Gespräch mit Stefan Horvath. Die älteren Österreicher werden sich vermutlich noch an die Attentate von Franz Fuchs erinnern. Die Kurzfassung:

Franz Fuchs verübte als Einzeltäter im Namen einer Bajuwarischen Befreiungsarmee in der Zeit zwischen 1993 und 1997 diverse Brief- und Rohrbombenattentate mit rassistisch und völkisch motivierten Motiven. Die Opfer waren Migranten, Roma und Sinti sowie Organisationen und Personen, welche sich in diesen Bereichen engagierten. Insgesamt wurden vier Personen getötet und 15 teils schwer verletzt.

In Oberwart (Burgenland) gab es seit jeher eine große Roma-Community, wie es im Osten Österreichs auch sonst oft der Fall ist, meistens klappt das Zusammenleben auch gut und zum Teil wird im Burgenland vieles auch auf Romanes angeboten. Uns verschlug es während einer Exkursion nach Oberwart. Am 4. Februar 1995 erschütterte nämlich ein Vierfachmord durch eine Rohrbombe den Ort. Stefan Horvath, der Vater eines der Opfer, erzählte uns damals direkt an Ort und Stelle wie es sich zugetragen hat. Unweit davon gibt es ein Denkmal, der Ort der Explosion selber ist unauffällig. Die Roma-Siedlung steht etwas außerhalb des Ortes, die Häuser leuchten bunt in allen Farben, am Ende der Siedlung gibt es eine Bahnbrücke, darunter ist es passiert. Bereits Tage vorher war einigen der Opfer ein Mann aufgefallen, welcher die Umgebung beobachtete. Am Tag des Attentates wollten die vier noch spät zu einem Fest in Oberwart aufbrechen und etwas feiern, dabei viel ihnen eine Tafel unter der Bahnbrücke auf. Bei näheren Betrachten stellte es sich als ein Rohr, welches ein Katzenklo betoniert war, heraus. Darauf war eine Tafel mit der Aufschrift „Roma zurück nach Indien“ angebracht. Beim Versuch diese zu entfernen explodierte der Sprengsatz, alle vier waren mehr oder weniger sofort Tod. Da die Eltern bereits im Bett waren und wegen der Entfernung nichts hörten, wunderte sich niemand über das lange Wegbleiben der Jungen, immerhin wollten sie ja feiern. Die Leichen wurden erst am Morgen gefunden. Franz Fuchs wurde 1999 verhaftet und beging am 26. Februar 2000 Selbstmord, indem er sich mit dem Kabel seines Rasieres selbst in der JVA erhängte.

Das ist wahrscheinlich eine meiner lebendigsten Erinnerungen an Schwarzen Tourismus, zugegeben Oberwart ist nun nicht unbedingt ein großer Anlaufpunkt dafür, aber allein die Tatsache die Geschichte von dem Vater eines Opfers zu hören, gab einen ein makaberes Gefühl. Stefan Horvath erzählt seine Geschichte auch an Schulen in ganz Österreich, aber direkt an dem Ort zu stehen, gezeigt zu bekommen, wo die Leichen lagen, wie sie aussahen, mir stellt es gerade beim Schreiben die Haare auf.

So jetzt bin ich aber etwas vom Thema abgewichen, wer mehr zu den Anschlägen wissen will, dem empfehle ich das Buch „Katzenstreu“ von Stefan Horvath. Unglaublich gut geschrieben, sowohl aus Sicht des Täters als auch der Opfer. Amazon-Link

Ich habe damals keine Bilder gemacht, dafür verlinke ich euch hier ein Video über das Attentat.

https://tvthek.orf.at/history/Volksgruppe-der-Roma/13557930/Reportage-nach-Attentat-auf-Roma-in-Oberwart/9057154

Mit dem Begriff Schwarzer Tourismus bin ich auch im Bereich Urban Exploration schon öfter in Kontakt gekommen, normalerweise beim Thema Tschernobyl. Gerade durch die neue Netflix-Serie dazu boomt der Tourismus dort gerade (dazu aber ein anderes Mal ein Beitrag). Mich selber hat es bisher noch nie dorthin verschlagen, dafür aber an so manch anderen Ort, meistens waren mir die Geschichten bekannt, manchmal konnte ich nur mutmaßen. Einer der „lichteren“ Orte war ein Kalksteinbruch in Tschechien. Die wunderbare Kulisse trügt. Nicht unbedingt, weil nur kurz vor unseren Besuch ein örtlicher Jugendlicher hier fast 100 Meter in den Tod stürzte, hier gab es ein Strafgefangenenlager. Es gibt keinen Hinweis dazu, keine Tafel, dennoch befand sich hinter der Miene eines der berüchtigtsten Lager der Tschechoslowakei. 1949 wurde es nach der Übernahme der Kommunistischen Partei gegründet aber bereits 1953 wieder aufgelöst, weil die Häftlinge durch die harten Bedingungen und die Arbeit in der Mine oft nicht lang überlebten oder völlig erschöpft waren. Von den Gefangenen wurde der Ort als „vápencové peklo“, die Kalksteinhölle bezeichnet.

Andere konkrete Orte sind Psychiatrien. Ich bin ehrlich: Ich mag Psychiatrien nicht… Wenn du nun aber weißt, dass es einen guten Grund für die Schließung gab und das nicht nur, weil die Strukturen veraltet waren, sondern weil Patienten brutalen Therapien unterzogen wurden…dann bekommt es nochmal eine ganz andere Dimension. Diese leerstehenden Einzelzellen zu sehen und am Dachboden die persönliche Kleidung zu finden, die Knöpfe abgetrennt für die gestreifte Anstaltskleidung, die Treppengeländer nochmal zusätzlich abgesichert, damit sich Patienten nicht in den Tod stürzen konnten.

Das andere sind Privathäuser, meistens stehen sie aus ganz simplen Gründen leer. Altersschwach verstorben oder im Altersheim gelandet, aber manchmal kann man sich auch die Tragödien Zusammendenken. Briefe, Dokumente, Atteste, Sterbeurkunden, Massen an Medikamenten…Wenn ich so darüber nachdenke, könnten einige Orte dabei gewesen sein, wo doch mehr passiert ist, als mir aufgefallen ist.DSC04657

Lässt sich Schwarzer Tourismus eigentlich vermeiden? Auch als normaler Tourist landet man doch immer wieder ungewollt an solchen Orten, oder? Gerade, wenn man in Ländern lebt, die eine wechselhafte Geschichte haben. Was sagt ihr? Kennt ihr solche Orte?

 

7 Gedanken zu “Schwarzer Tourismus – Ein paar Gedanken

  1. Das ist eine sehr spannende Ansicht! Ist ja wirklich ein kontroverses Thema und gerade durch solche Serien wie Chernobyl oder The Dark Tourist bekommt das Ganze ja auch mehr Aufmerksamkeit. Ich finde einige solcher Orte wirklich spannend. Aber man muss dem Ganzen definitiv mit Respekt gegenübertreten. Danke für den schönen Beitrag! 🙂

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  2. Spannender Beitrag! Einen ähnlichen Gedanken hatte ich auch. Wenn ich an keinem Ort mehr fröhlich sein kann, an dem ein Unglück passiert ist, darf ich wohl nicht mehr aus dem Haus gehen!

    Viele Grüße aus Paris,
    Feli

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    • Danke liebe Feli! 🙂 Seh ich auch so, gerade in bei uns (und wahrscheinlich auch in Frankreich, mir ist nur dort leider nur der äußerste Osten bekannt) stolpert man einfach oft ganz unbewusst über brutale Schauplätze, gerade aus der jüngeren Geschichte. Ich finde es eher schlimm, wenn diese für Tourismus ohne viel Reflexion wortwörtlich ausgeschlachtet werden.

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  3. Hallo Roach, ich habe deinen Beitrag mit großem Interesse gelesen, da gehört einiges an Recherche zu, Hut ab 🙂 schwarzer Tourismus ist mir noch nie begegnet, du hast mit deinem Text angestoßen, dass ich begonnen habe, darüber nachzudenken – ach warte, ich war mal mit der Schule in Verdun, die Schlacht um Verdun im ersten Weltkrieg hat ja traurigen Ruhm erlangt, es war bedrückend dort, liebe Grüße Bettina

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    • Danke Bettina!
      Man stolpert tatsächlich oft ganz unbewusst über solche Orte… bei uns um die Ecke wurde vor kurzem zum Beispiel die Reste eines Arbeitslagers der Nazis ausgegraben. Man kommt eigentlich fast nicht drum herum. Gerade die Gegend um Verdun ist ja auch bis heute noch bestückt mit Überresten des Krieges (La Zone Rouge).
      Lg,
      Roach 🙂

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  4. Wow, das ist ein total spannendes Thema! mir war gar nicht bewusst, dass es für diese Schauplätze eine eigene Bezeichnung gibt! Als Voyeurist würde ich mich nicht bezeichnen, aber mich interessieren Lebensgeschichten, Geschichte (Verdun als Schülerin zu besuchen, hat mich damals sehr berührt). Meist sind die Schauplätze aber museal aufbereitet, wie zB das Konzentrationslager in Mauthausen. Wenn man solche „Lost Places“ besucht, fühlt man sich ganz anders in die Geschichte der Lokalität ein. Danke für diesen interessanten Beitrag!

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