St. Petersburg – Venedig des Nordens

 

Dem echten Venedig steht die Stadt auf jeden Fall in Nichts nach, aber beginnen wir von vorne.

Wenn man monatelang nur drei Stunden von der russischen Grenze entfernt gewohnt hat, so kommt einem die Idee nach Russland zu fahren relativ bald. Die Millionenstadt St. Petersburg kann man sogar ganz bequem mit der Fähre über Nacht erreichen. Also, ein paar Leute geschnappt und zusammen, aufgrund der Einfachheit mit den Formalitäten, über die Agentur Timetravels eine 5-tägige Reise nach St. Petersburg gebucht. Warum 5? Nun, drei Tage kann man ohne Visum in Russland bleiben, als EU Bürger sind die Formalitäten schnell erledigt, die Freunde aus China haben etwas mehr Papierkram benötigt. Zwei Tage würden für die Überfährt hin und retour draufgehen. Der andere Vorteil war, dass wir diverse Extraaktivitäten direkt buchen konnten (zu wesentlich besseren Preisen) und noch einen lokalen Guide dabei hatten, sofern wir geführte Touren wollten. Also, auf nach St. Petersburg!

Von Helsinki also mit der „Princess Anastasia“  über Nacht nach Russland. Gleich schon angemerkt, weder auf den Weg noch in St. Petersburg mit  (gratis) W-Lan rechnen. Glücklicherweise hatte ich das meiste, auch Offline-Karten, bereits im Vorab heruntergeladen. Hier was zu mir: Ich  schau mir immer schon Tage vorher alles an und geh bei Möglichkeit mit Street-View auch mal die Straßenzüge rund ums Hotel ab, um genau zu wissen, wo ich dann vor Ort bin. Auch etwas anderes wurde schnell klar…Ich hätte meine mittlerweile sehr maroden Russisch-Kenntnisse nicht nur halbherzig auffrischen sollen. Selbst auf einer internationalen Fähre war die Kommunikation schwierig. Gut, das wir für alles vor Ort unseren Guide hatten. Apropos, dieser  holte uns auch direkt vom Terminal ab. Obwohl, zeitweise dachte ich, die lassen mich gar nicht erst rein. Meine Freunde mit den chinesischen Pässen waren schnell durch, nur bei mir schien der Dame an der Grenzkontrolle etwas gar nicht zu gefallen. Die strenge Frau in der Uniform verzog keine Mine, während sie abwechselnd meinen Pass und wieder mich ansah. Liegt es daran, dass ich auf dem Passfoto  aussehe, wie ein junger Mann mit Irokesenschnitt?  Dann holte sie noch die Schwarzlichtlampe raus, ernsthaft!? Mittlerweile waren 15 Minuten vergangen, sogar ihre Kollegin war nun da und kontrollierte den Pass, keiner sprach mit mir und ich wurde langsam nervös. Jetzt reichte es! Wortlos schob ich meinen Führerschein (selbes Foto wie im Pass) durch die Öffnung des Schalters. Beide schauten mich an und, halleluja, trugen meine Daten in die Aufenthaltsgenehmigung ein. Das ging ja schon gut los. Als ich also endlich bei meinen etwas verdutzten Freunden angekommen war, wartete schon unser Guide Igor. Nachdem alles in dem Kleinbus verladen war,  gab es erstmal eine kleine Stadtrundfahrt, die Zimmer im Hotel waren noch nicht fertig, also war genug Zeit.

Verdammt, was ich sah, war gewaltig, raus aus dem Industrieviertel rund um den Hafen wurden wir von mächtigen Bauten, dekoriert mit Gold und Mosaiken begrüßt. Der Triumphbogen, der Winterpalast, die Universität, der alte Schlossbau, einfach prächtig! Was mich wunderte, im Vergleich zu meinen anderen Reisen in Osteuropa gab es so gut wie keine sozialistischen Bauten, selbst in den Außenbezirken. Ich hätte genauso gut in einer barocken westeuropäischen Stadt sein können.

Zwei Stunden später waren dann endlich unsere Zimmer fertig. Jetzt hieß es Pässe abgeben, eine zwingende Formalität, wenn man die visumfreien Tage nutzt. Etwas seltsam, aber damit konnte ich leben. Mittlerweile war es schon später Nachmittag und bereits recht dunkel, daher passierte nicht mehr viel, ich wollte lediglich noch in dem Kaufhaus vorbeischauen,  da ich das Ladekabel für die Kamera in Finnland hab liegen lassen. Jetzt komme ich ja aus einer Gegend, wo Kaufhäuser doch recht klein übersichtlich sind und ich schon in Städten wie München oder Berlin den Überblick in diesen Häusern verliere. Nun stand ich aber unbewusst in einem der größten Kaufhäusern der Stadt. Nach einigem Hin und Her war der Elektroladen aber doch gefunden. Auf dem Weg gab es noch was zu Essen, so viel zum ersten Tag.

Tag 2

Heute teilten wir uns erstmal auf, ein Teil fuhr mit unserem Guide Richtung Puschkin zum Katharinenpalast, die Kollegin aus Deutschland wollte ein paar Museen besuchen und ich würde den Großteil des Tages im Untergrund verbringen. In einem Museum, welches mich umgerechnet 60 Cent kostete. Womöglich habt ihr es erraten, ich verbrachte viel Zeit in der St. Petersburger Metro. Es war unglaublich. U-Bahn fahren ist für mich sowieso immer ein Highlight. Hier war es aber nicht nur das Fahren, sondern besonders die Stationen, welche es mir angetan haben. 5 Linien und 67 Stationen gibt es. Die Stationen, welche wirklich interessant sind liegen auf den Linien 1 (der roten Linie) und Linie 5 (der violetten Linie). Mit einem Metro-Plan und der Offline-Karte auf dem Handy ging es los! Die rote Linie 1 ist die älteste und auch die prunkvollste Linie, ganz nach Vorbild der Moskauer Metro sind die Stationen aufwendig gestaltet, mit Marmor, Mosaiken, Figuren und Fresken, aber auch die Stationen der anderen Linien haben ihren Reiz. Schauen wir mal! Wenn man zufällig eine der alten Maschinen bekommt, dann gibt es statt den neuen Chips sogar noch die alten Metro-Token.

IMG_20190319_152119.jpgAdmiralteyskaya auf der Linie 5 ist die erste Station auf dem Weg. Hier zeigt sich ein Problem, welches beim Bau der Metro mehr als hinderlich war. St. Petersburg wurde auf einen weichen, sumpfigen Untergrund gebaut, deswegen liegen auch viele der Stationen sehr tief. In diesem Fall ging es fast drei Minuten 85 Meter mit der Rolltreppe in die Tiefe. Als eine der älteren Stationen gibt es am Anfang der Rolltreppe auch dicke Stahltore für den Fall eines Atombombenangriffs.

Zvenigorodskaya eine Station weiter ist eigentlich nur eine einfache Station mit Marmor-Kolumnen, aber wie viele der anderen Stationen gibt es vor dem Bahnsteig ein großes Mosaik, so auch hier. Es ist dem Semjonowskoje-Leibgarderegiment gewidmet, der damaligen Leibgarde des Zaren.

IMG_20181026_113950.jpgGanz am Ende der Linie 5 gibt es dann noch die Mezhdunarodnaya, eine Station in Weiß und Gold, ganz am Ende befindet sich ein riesiges Mosaik des griechischen Titanen Atlas.

IMG_9662Auf der Linie 1 hat es mir die Avtovo Station angetan. Sie unterscheidet sich darin, dass sie unglaublich prunkvoll dekoriert ist. Alles, was nicht aus Marmor besteht, besteht aus gefärbten Glas. Am Ende des Steiges gibt es ein Mosaik der Leningrader Blockade während des Zweiten Weltkrieges.

IMG_9651Im Vegleich zu Atovo wirkt Kirovsky Zavod fast schon fad. Doch der Schein trügt, es ist die Station, welche wohl am „sowjetischten“ aussieht. Das Highlight ist die Putin-Büste am Ende des Bahnstieges.

IMG_9652Und die letzte Station war die Narvskaya. Eine Station im Neo-Rennissaince Stil, dekoriert mit Sowjet-Symbolen. Hier wird der Spitzname der Stationen als „Paläste des Volkes“ deutlich. 

Am Abend trafen wir uns alle wieder und schlenderten noch ein bisschen durch die unzähligen Läden der Stadt, kauften einige Souvenirs und (für mich als leidenschaftliche Postkarten-Schreiberin :D) ein paar Postkarten, nur ein Postamt würde ich noch suchen müssen.

Tag 3

Der letzte volle Tag in St. Petersburg. Da war Zeit für ein paar Klassiker. So zum Beispiel die Kathedralen der Stadt. Die Erste war die Isaakskathedrale. Was soll ich sagen? Sie ist riesig! Eine der größten Kuppelbauten der Welt um genau zu sein. Sie ist über 100 Meter hoch (deswegen auch kein Bild von außen) und der Durchmesser der Kuppel beträgt 26 Meter. Innen dient die Kathedrale in erster Linie als Museum und Ziel für Touristen. An hohen Feiertagen werden nach wie vor Messen gehalten.

Nikolaus-Marine-Kathedrale ist eine der wenigen praktizierenden Kirchen der Stadt und eine der einzigen, welche zu Sowjetzeiten nicht geschlossen wurde. Heute steht der düstere Unterbau Gläubigen täglich offen.

IMG_9698Die Auferstehungskirche (auch Blutskirche genannt) sieht ihrer großen Schwester in Moskau sehr ähnlich. Sie ist die einzige Kathedrale, welche sich nicht an italienischen und klassizistischen Stilen orientiert. So stammt sie noch aus Zeiten von Peter I., welcher sich westlicher Kultur damals noch nicht geöffnet hatte. Erbaut wurde sie zwischen 1883 und 1912 und zwar an der Stelle, an der Alexander II. einem Attentat zum Opfer fiel. Das tolle ist aber das Innendesign, die Ikonen und auch fast alles andere besteht nämlich aus Mosaiken.

Am Abend fanden wir uns dann wieder zu einem besonderen Erlebnis zusammen. Ein Ballett im Mariinski-Theater. Eines der ältesten Theater Russlands und auch eines, wo man schwer Karten bekommt. Unserem Reiseanbieter und seinem Deal mit dem Theater sei Dank. Für 30 Euro saßen wir also ganz oben, aber mit gutem Blick auf die Bühne. Ich möchte ja nicht wissen, was die Lodgen kosten! (Fotografieren ist übrigens verboten, daher nur ein paar schnell geknipste Handybilder). Ballett war eigentlich nie so meins, aber russisch-staatlichen Balletttänzern zuzusehen hat schon was. Auf jeden Fall war sehr interessant zum Sehen! Auch wenn eine der Trompeten zweimal den Einsatz verpasst hat 😉

Tag 4

Der letzte Tag, am frühen Nachmittag würde unsere Fähre gehen. Wir würden uns mit Igor am Terminal treffen, um unsere Pässe wieder bekommen. Bis dahin war also noch ein bisschen Zeit. Genug Zeit um sich eines der berühmtesten Museen anzusehen. Das Eremitage, eines der bedeutendsten Kunstmuseen der Welt.  Naja, so viel Zeit dann doch nicht, immerhin brauchte ich immer noch ein Postamt. Wen man wollte wäre man hier aber auch nach einer Woche nicht fertig. Die Räume belegen einen Teil des Winterpalastes und sind mit unzähligen Werken aus ganz Europa und Russland dekoriert. Auch einige der Räumlichkeiten der Zarenfamilie konnte man bestaunen.

Noch eine kleine Anmerkung zum Verschicken von Post. Wie schon erwähnt, wird kaum Deutsch gesprochen. Weder in Läden noch in Restaurants und natürlich auch nicht auf dem Postamt. Das zentrale Postamt war erstmal nicht so einfach zu finden, wenn man nicht die unauffällige Tür genau anschaute, hätte man es genauso gut für einen Lieferanteneingang halten können. Der Abstieg über die Betontreppe hatte auch eher was von einem Bunker. Auf Rat von Igor habe ich im Vorhinein Österreich in Kyrill unter die Adressen geschrieben. Damit musste ich der älteren Dame nur noch zeigen, dass die Marken fehlten. Trotz leichter Zweifel kamen die Karten zwei Wochen später auch an. 😉

Jetzt also wieder zurück zum Fährterminal und zurück nach Finnland. Igor gab uns wie versprochen die Pässe zurück und wir verabschiedeten uns. Zum Abschluss gab’s noch ein Bier. Ich muss eindeutig zurück. Die Tage gaben einen guten Überblick, zum Sehen hätte es noch viel gegeben, da würde sich das Visum auf jeden Fall lohnen. 😉

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Reisetipps gefällig? 

Das meiste steht eh schon im Text, daher hier ein Abriss.

Visum: Für drei Tage: Nein. Für alles darüber: Pflicht!

Anreise: Eigentlich mit allem möglich, von Finnland oder Estland bietet sich die Fähre an. Ansonsten Flug oder Auto. Zu beachten sind nur die jeweiligen Transportbedingungen.

Unterkunft: Es gibt viele Hotelketten mit westlichen Standard. Wir waren im IBIS, zumindest in der Stadt gibt es viel Auswahl.

Geld: Bekanntlich zahlt man mit Rubel, Kreditkarten werden sehr selten akzeptiert, auch in einer Großstadt. Geldwechseln lohnt sich also. Ich habe noch in Finnland gewechselt. Je nachdem was und wie viel man ausgeben will, sollte man das Budget berechnen. Mit Souvenirs, Postkarten etc., Essen, Trinken und den Eintritt ins Eremitage und die Isaakskathedrale hab ich mit etwa hundert bis hundertfünfzig Euro sehr gut leben können.

Essen und Trinken: Dazu kann ich nicht so viel sagen, da ich meistens direkt im Supermarkt eingekauft habe. Restaurants und Bars sind aber unglaublich günstig. Im Schnitt kostet ein ordentliches Essen mit Bier um die sechs bis zehn Euro. Kleiner Tipp: Geht am besten nur in Lokale, welche bereits eine englische Speisekarte draußen hängen haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass tatsächlich jemand Englisch spricht, ist um einiges größer.

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Sprache: Ganz ohne Russisch kann es schwierig werden. Ein Grundwortschatz empfiehlt sich. Was auch hilft, ist das kyrillische Alphabet zu können oder zumindest eine Übersetzungstabelle dabei zu haben. Metro-Stationen sind meist nicht in Latein angeschrieben und auch viele Straßenschilder nicht. Ansonsten sollte man nicht erwarten, auch an Touristenorten Personen zu finden, welche halbwegs Englisch können.

Sicherheit: Wie in jeder anderen Großstadt. Ich hätte jetzt nichts besonders ausmachen können. Auch am Abend nicht. Die Leute sind sonst total freundlich und versuchen auch schon mal mit Hand und Fuß zu helfen, wenn man verwirrt an der Straßenecke steht.

Öffis: Super! Die Metro ist sicher am angenehmsten. So kommt man auch überall hin. Ansonsten gibt es auch noch Tram und Bus.

Telefon und Internet: So gut wie nicht vorhanden, den einzigen öffentlichen Hotspot habe ich in einem Burger King gefunden. Also wichtige Informationen schon im Vorhinein herunterladen oder in ein Auslandspaket für Russland investieren. Ansonsten gab es keine Probleme.

Besser nicht zu viel Planen und einfach ein bisschen die Stadt erkunden! Es gibt viel zu entdecken! 😀

Cheers!

~ Roach

 

 

 

 

 

 

 

 

 

8 Gedanken zu “St. Petersburg – Venedig des Nordens

  1. Welch imposanter Bericht über diese tolle Stadt. Leider muss man laufen können und erstmal steht bei mir Paris im Mai an. Da kenne ich mich aus.
    Deine Tipps sind so hilfreich und vieles hatte ich mir anders vorgestellt. Ich gebe den Link zu deiner Seite weiter. Meine Tochter ist immer offen für Städtereisen.
    Liebe Grüße Caro

    Gefällt 1 Person

  2. Nach St Petersburg möchte ich unbedingt auch einmal 🙂 Deine Bilder sehen echt traumhaft aus! Besonders die Auferstehungskirche. Das mit dem Visum war mir noch gar nicht bewusst. Vielleicht verbinden wir das ebenfalls mit einem Trip nach Finnland oder Estland, Nur für drei Tage von Deutschland so weit fliegen kommt mir nicht so nachhaltig und etwas stressig vor.

    LG Denise

    Gefällt 1 Person

  3. Hallo Roach,
    deinen Bericht habe ich mit glühenden Wangen gelesen, ganz toll, dass du dich auf das Abenteuer Russland und St Petersburg eingelassen hast, die Stadt ist ja gigantisch. Danke für die zahlreichen Praxistipps, mit der Sprache, WLAN, essen usw. für die Reiseplanung kann man das gut brauchen. Schon umheimlich das Thema Schutz vor Atombomben mitten in so einer schönen Stadt zu finden, oder? Für einen Moment habe ich beim Lesen ganz erschrockene Augen gemacht …
    Lieben Gruss
    Bettina

    Gefällt 1 Person

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