Im Gespräch: Broken Window Theory

Zeit für eine neue Kategorie.  Kurzfassung: Da sich mein Thema für die wissenschaftliche  Arbeit sich leider zwangsläufig etwas geändert hat, habe ich nun recht viel Material, oder besser gesagt über 20 Interviews mit diversen Privatpersonen und Gruppen, welche sich im Bereich Urban Exploration bewegen einfach auf der Festplatte liegen. Da es bei manchen wirklich schade wäre, das einfach verkommen zu lassen, werde ich das Ganze nebenbei als persönliches Projekt weiterführen. Die bisherigen Interviews finden sich nun auch unter diesem Punkt.

Für alle, die neu hier sind: Ihr findet Informationen zur Thematik hier. Der Einfachheit halber wird (von mir) nur der Begriff „Urbex“ verwendet, dies schließt auch alle nicht-städtischen Orte ein.

Nun aber ohne viel Umschweife:

 

Broken Window Theory (BWT) 

Starten wir mit einem Interview, welches mich ganz besonders gefreut hat. Leider hatten die Jungs keine Zeit für ein Gespräch, aber ein Fragebogen war dann doch drin. Die Gruppe aus Deutschland besteht aktuell aus sieben Mitgliedern, welche diverse Aufgaben übernehmen. Die Kerngruppe selber besteht aus Till und Marco, welche auch die Fragen beantwortet haben. Seit 2015 sind sie als Crew unterwegs und betreiben diverse Kanäle, darunter YouTube, Facebook, Instagram und Flickr. Der Content reicht vom Erkunden und Dokumentieren über Tipps bis hin zum Übernachten auf dem Dach eines verlassenen Hotels, in einer Radarstation und anderen Orten. Lassen wir sie aber an dieser Stelle selber erzählen.

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Wie lange seit ihr schon unterwegs?

Marco: Wir sind bereits seit 2012 in Lost Places unterwegs. Damals deutlich seltener, als heute. Aber wir haben das Hobby gemeinsam entdeckt. Damals kannten wir Begriffe wie „Lost Places“ und „Urbex“ noch gar nicht. Erst als wir uns intensiver mit der ganzen Thematik beschäftigt haben, hat sich herausgestellt, dass da viel mehr dahintersteckt.

Wie hat alles angefangen, also bei euch als Gruppe?

Marco: Es war abends und wir hatten Lust, noch irgendwas zu unternehmen. Ich weiß nicht, wie es dazu gekommen ist, aber auf einmal waren wir in einem alten Gewerbegebiet und sind in ein offensichtlich verlassenes Gebäude eingestiegen. Das Fenster war offen und das war für uns wie eine Einladung. Das Erkunden hat uns sofort gefesselt! Es gab in dem alten Gebäude noch viel zu entdecken. Wir wussten: Wir werden sowas noch mal machen. Wir hatten auch immer Kameras dabei und haben gefilmt und fotografiert. Dann haben wir angefangen größere Videos zu schneiden und sie etwas professioneller zu gestalten. Freunde haben uns dabei geholfen und so entstand die Crew.

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Was ist euer Interesse? Was reizt euch?

Till: Das Erkunden verlassener Komplexe ist eine unvergleichliche Erfahrung. Der Reiz des Ganzen liegt für mich im Eintauchen in eine andere Welt. Es ist wie eine Zeitreise, man sieht wie Menschen vor mehreren Jahrzehnten gelebt und gearbeitet haben. Mit ein wenig Fantasie kann man an solchen Orten jedoch auch in die Zukunft reisen. In diesen Gebäuden herrscht eine apokalyptische Stimmung und in dieser kann man sich wirklich gut verlieren. Die menschliche Existenz wird nicht ewig andauern, so viel ist mal sicher und während unserer Erkundungen wird uns diese Vergänglichkeit oft bewusst. Verlassene Autofriedhöfe im Wald, unterirdische Bunkeranlagen, in denen es von der Decke tropft und düstere, zerstörte Krankenhäuser, sowas kennen die meisten Menschen nur aus Serien wie „The Walking Dead“. Die Geschichte der Locations ist auch jedes Mal spannend, wir haben durch die Recherche schon wirklich absurde Stories entdeckt. Der Verfall sorgt oft für einzigartige Motive, die man nirgendwo in unserem sonst so sauberen und aufgeräumten Umfeld finden kann. Das Betreten dieser Gebäude ist natürlich in den meisten Fällen nicht legal, also würde ich sagen, dass auch der Nervenkitzel des Verbotenen Urban Exploring spannend macht. Weiterhin kann man nie wissen was genau einen erwartet, wenn man erstmal drin ist. Aber ich denke, es ist eher das Gesamtpaket und das Abenteuer an sich, das für uns den Reiz am Urbexen ausmacht.

Was würdet ihr als Urban Exploration bezeichnen?

Till: Diese Definitionsfragen sind immer eine schwierige Angelegenheit. Für uns persönlich bedeutet Urban Exploration in den meisten Fällen das Erkunden verlassener Gebäude und Strukturen, das Recherchieren der Geschichte und das Erleben der Atmosphäre vor Ort. Natürlich ist Urban Exploration ein Überbegriff mit vielen Unterkategorien, mit diesen beschäftigen wir uns allerdings nicht sehr intensiv.

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Was zählt für euch zur Urban Exploration? Sind das nur Lost Places, würdet ihr Rooftoping oder Sewering dazu zählen? Was ist mit Besuchen in sonst nicht zugänglichen Bereichen?

Marco: Für uns beschreibt Urbex mehrere Tätigkeiten. „Roofing“, „Infiltration“ und Co. gehören für uns ganz klar dazu. Aber das reizt uns alles nicht so sehr, wie die Lost Places. Das ländliche Gegenstück zu Urbex nennt man übrigens Rurex. Das ist die Erkundung verlassener Orte auf dem Land.

Wie wichtig sind euch Online-Auftritte?

Till: Natürlich sind uns Onlineauftritte sehr wichtig, sonst hätten wir ja keinen YouTube-Kanal. Seitdem wir Urban Exploration betreiben gehört für uns das Dokumentieren des Lost Places und seiner Geschichte einfach mit zum Erkunden. Wir haben Spaß daran diese Dokumentationen zu produzieren und stecken eine ganze Menge Arbeit in unser Projekt BWT. Wir versuchen möglichst hochwertigen Content zu schaffen, denn dieser wird auf Plattformen wie YouTube leider zunehmend weniger. Unsere Abenteuer teilen wir dann natürlich gern mit unserer Community. Es gibt wirklich viele Menschen da draußen, die dieses Hobby fasziniert, die jedoch selbst nicht erkunden wollen, sondern lieber anderen Urbexern dabei zusehen.

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Was würdet ihr sagen: Gibt es sowas wie eine Szene? Oder sind wir alle nur Leute, welche zufällig das gleiche Hobby teilen?

Till: Ja, es gibt definitiv eine Szene. Urban Exploration wird immer populärer. Zeitungsartikel werden geschrieben, Facebookgruppen erstellt, YouTube-Channel gegründet, sogar Riesen wie RedBull sind schon auf den „Urbexzug“ aufgesprungen. Doch einher mit dem Szenebegriff geht auch die Community und diese beweist, dass wir deutlich mehr sind, als nur Leute, die zufällig dasselbe Hobby teilen.

Da wir gerade bei Hobby sind: Findet Urban Exploration ist etwas Besonderes?

Till: Wenn ich auf all die Abenteuer zurückblicke, die wir über die Jahre erlebt, die Orte die wir gesehen und die Reisen, die wir unternommen haben, dann kommt mir Urban Exploration als Hobby doch sehr besonders vor. Manchmal muss man sich das jedoch wieder vor Augen führen, denn wie mit allen Sachen im Leben gewöhnt man sich schnell daran. Was für ein besonderes Hobby Urbex eigentlich ist, merke ich erst, wenn ich Leuten zum ersten Mal davon erzähle oder wenn uns Freunde begleiten, die vorher noch nie mit uns erkunden waren. Dinge, die für uns mittlerweile zur Routine geworden sind, empfinden andere als super aufregend. Doch so ist das mit jedem Hobby schätze ich.

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Ist es überhaupt nötig einen Begriff wie „Urbexer“ zu haben? Seht ihr euch selber als „Urbexer“? Seht ihr euch selber als Teil einer Szene?

Marco: Ja, wir sind Urbexer und wir sind mittlerweile auch definitiv Teil der Szene. Wir sind vernetzt mit vielen Leuten und tauschen uns regelmäßig aus. Wir gehen auf Tour mit anderen aus der Community und freunden uns an. Wir schauen uns Dinge ab und kreieren sogar gemeinsam Content. Es ist schon wichtig einen Begriff wie „Urbexer“ zu haben, denn irgendwie muss man doch die Leute in dieser Szene nennen.

Was macht einen Urbexer aus?

Till: Zum einen die Leidenschaft, die wir alle teilen. Die Schönheit des Verfalls, der Nervenkitzel, die oft apokalyptische oder mystische Atmosphäre, das Eintauchen in eine andere Zeit. Man kann es umschreiben, wie man will, aber der Drang, das zu erleben macht in meinen Augen einen Urbexer aus. Was jedoch einen guten Urbexer ausmacht, ist ganz klar das Verhalten in solchen Orten. Es gibt einen „Kodex“, welcher besagt, man solle nichts als Fußabdrücke hinterlassen und nichts als Fotos (bzw. Videos) mitnehmen. Nicht alle Leute halten sich an diese simple Regel. Und somit sind die meisten Leute in Lost Places leider keine Urbexer, sondern Diebe, Vandalen oder einfach nur Kinder.

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Ist eine gewisse Akzeptanz und Reputation wichtig, um in Kontakt mit anderen Urbexern zu kommen?

Marco: Wenn man neu in dem Hobby ist, hat man es oft schwer reinzufinden. Am Anfang will dir natürlich niemand irgendwelche Orte verraten. Die Leute müssen dir erst einmal vertrauen, bevor sie die tollen Orte mit dir teilen. Mit der Zeit kommt das dann aber alles von allein. Entweder man hat sich sein Netzwerk aus Urbex-Kontakten aufgebaut. Oder man sich einen Namen gemacht und Leute melden sich von sich aus bei dir und schenken dir Adressen von Lost Places. Wir haben zum Beispiel auch schon viele von solchen Nachrichten bekommen.

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An dieser Stelle nochmals Danke für die Antworten! Wer jetzt Lust bekommen hat, der schaut mal hier vorbei und kann BWT das ein oder andere Like da lassen (es lohnt sich):

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Titelbild und Beitragsbilder © BWT

 

~ Roach

5 Gedanken zu “Im Gespräch: Broken Window Theory

  1. Dein Beitrag hat mich echt gefesselt, ich habe große Augen gemacht: wo sind diese Fotos gemacht worden, das Video, die Stimme des Sprechers ich kam mir vor, als wäre ich in die Romane von Stephen King versetzt worden… toll! Marco und Till sind echt mutig. Bei uns im Wald gibt es übrigens auch noch einen verlassenen Bunker, Niemand darf rein, ich glaube, er ist in der Mitte inzwischen zusammengefallen, ich hatte auch nie das Bedürfnis ihn von innen zu sehen…liebe Grüße Bettina

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