Die Grenze

Gut. Ich komme ja, wie die meisten schon wissen, aus Österreich, ich habe weder die Nachkriegszeit oder den Kalten Krieg, die Teilung in West und Ost noch den Mauerfall mitbekommen. Dennoch, irgendwie haben mich diese Themen immer fasziniert, nicht nur aus historischer Sicht. Die Erzählungen meines Vaters von der Exkursion in die DDR in seiner Studienzeit fand ich immer unheimlich spannend. Heute sind wir ja leider eher wieder dabei Zäune und Mauern zu bauen.  Ein mahnendes Beispiel solcher Blutmauern sind die Reste der uns allen bekannten Berliner Mauer. In Berlin trifft man die letzten Überbleibsel ganz unterschiedlich an. Entlang des Grenzverlaufes gibt es völlig touristisch aufgeladene Orte wie rund um den Checkpoint Charlie. Hier wird die Mauer, teils fragwürdig vermarktet. Ob ein Foto mit den Schauspielern für drei Euro, beim Straßenhändler oder in einem der unzähligen Souveniershops. Neben T-Shirts mit dem „Wall Jump“ oder dem „American Sector-Schild“ bis hin zu angeblichen Originalstücken der Mauer die irgendwo zwischen 15 und 300+ Euro verkauft werden. Es gibt hier sogar eine neue Berufsbezeichnung: „Wallseller“.

IMG_20180626_110508

Es gibt den Mauerpark, am Nordbahnhof momentan sogar mit einer Ausstellung zu den Geisterbahnhöfen. Man kann entlang des Todesstreifens laufen, die einzelnen Abschnitte sind markiert, dort wo die Mauer weg ist, ersetzen diese Metallstreben. Radfahrer hängen hier wohl auch gerne ihre Fahrräder an. Im Dokumentationszentrum war ich jetzt nicht, daher keine Information dazu.

Und natürlich noch die Eastside-Gallery, hier wird die Mauer zum Kunstobjekt.

Und dann gibt es noch dieses kleine Waldstück im Norden der Stadt. Bis zum Jänner hat es auch nicht wirklich jemand interessiert. Das Waldstück war immer eine Abkürzungzum Bahnhof, an der Mauer liefen Hunderte vorbei. Sieht auch eigentlich auch wie eine normale Ziegelmauer…bis:

Hobby-Historiker Christian Bormann hatte das rund 80 Meter lange mit Graffiti verzierte Mauerstück nach eigenen Angaben bereit 1999 entdeckt. Im Jänner hat er in einem Blogbeitrag darauf aufmerksam gemacht.

Laut Landesdenkmalamt handelt es sich um eine alte Ziegelmauer, die im Zuge der Trennung als Teil der Berliner Mauer verwendet und gesichert wurde. Ursprünglich habe die Ziegelmauer Grundstücksparzellen vom benachbarten Bahnhof getrennt. Im Zuge des Mauerbaus am 13. August 1961 sei die Mauer mit Sperrelementen versehen worden, um Fluchtversuche zu verhindern.

Wohlgemerkt ist diese Mauer kein Teil des Todesstreifens gewesen, denn: Sie liegt in West-Berlin. Anscheinend auch der Grund, warum dieses Stück solange ignoriert wurde. Mit der Errichtung der zweiten Mauer verschob sich der Grenzverlauf nämlich nach Osten, die provisorische „Ur-Mauer“ taucht daher auch nicht mehr in den Dokumenten nach dem Mauerfall auf. Die Mauer soll nun auch unter Denkmalschutz gestellt werden. Das gesamte Gelände wurde mittlerweile mit einem Bauzaun versehen, vor allem um Vandalismus zu verhindern, auch wenn ein Teil der Mauer schon im halben Wald verteilt liegt, so scheint es regelrechte Pilgerreisen zu dem Mauerstück gegeben zu haben. Moderne Mauerspechte hätten bereits Steine aus der Mauer heraus gebrochen. Bormann macht sich daher berechtigte Sorgen um den zukünftigen Zustand, und auch über die verbliebenen Signalanlagen.

Wenn man hier aber was erreichen will, sollte das Gelände anders gesichert werden oder auch eine ähnliche Form bekommen wie der Mauerpark. Auch wenn es tatsächlich kein Lost Place im klassischen Sinne ist, so ist der Bauzaun nicht sonderlich abschreckend oder schwer zu überwinden. Ein Anfang könnte sein, das Gebiet vom Unkraut zu befreien und ordentlich auszuschildern. damit wäre es natürlich auch eine Touristenattraktion, aber gerade wenn es von solch historischen Wert ist, wäre das doch nicht die schlechteste Lösung? Momentan ist es aber doch noch außerhalb der klassischen Touristenpfade, abgesichert und in keinem Reiseführer angegeben und damit natürlich nochmal verlockender (vor allem wenn man bedenkt, was in Berlin für ein Hype um solche Orte gemacht wird). Abgesehen davon,  sind auch die Grundstücksverhältnisse nicht ganz geklärt. Um es kurz zu sagen: Es wäre dann für solche Besucher uninteressant. Leider habe ich auf meine E-Mail-Anfrage keine Antwort erhalten, wäre interessant gewesen, was der Entdecker dazu sagt.

Jedenfalls habe ich mich dann in Berlin spontan zu einer Besichtigung des Mauerstückes entschieden. Nachdem ich mich zweimal verfahren hatte, fand ich das Wäldchen endlich. Die Mauer an sich ist völlig unscheinbar, lediglich die Sperrvorrichtungen oben machten einem bei genauerem Hinsehen etwas stutzig.  Beim Zusammenpacken der Kamera kam auch schon der nächste Tourist aus den Niederlanden mit einer Bierdose in der Hand vorbei. Ob man die Mauer nun zum Denkmal macht oder unter die Käseglocke stellt, passieren sollte hier definitiv was.

Ich hab eine Weile überlegt ob ich das überhaupt posten soll, gehyped wurde es ja schon genug, aber gerade aus historischer Sicht, ist es etwas, dass dokumentiert werden sollte und im schlimmsten Fall eben auch der vorschreitende Verfall der Mauer.

Ich verlinke euch hier noch ein paar Seiten und Beiträge:

pankowerchronik.de

https://www.tagesspiegel.de/berlin/berlin-pankow-forscher-entdeckt-reste-der-berliner-ur-mauer/20883280.html

Cheers!

 

Ein Gedanke zu “Die Grenze

  1. ein wirklich interessanter Beitrag ! Ich war letztes Jahr auch in Berlin aber von dieser Mauer habe ich wirklich noch nie was gehört. Klar die Touris gehen zum Checkpoint Charlie massenweise egal ob zu Fuß ( wie wir) oder mit dem Bus ect. Ich fand den Rummel dort auch irgendwie ätzend und wenn sieht wie sich die Leute dort mit amerikanischen Soldaten in Uniform fotografieren lassen finde ich das nicht so prickelnd. Da ist mir so ein Hinweis wie dieser Beitrag schon um einiges lieber. Leider ist Berlin nun aber nicht in meiner Nachbarschaft und ich werde aber deinen Tipp auf jedenfall mal gedanklich merken. Ganz toll und mal was ganz anderes !!!!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.