Ba. Roach: Raumästhetik und Geschichte – Überlegungen zu den „Lost Places“

dr.roach

Der Titel sagt es schon: Heute ein paar theoretische Überlegungen zum Thema Lost Places, Raum, Ästhetik und Geschichte.

 
Gernot Böhme beschreibt in seinem Buch Atmosphäre – Essays zur neuen Ästhetik (1997), die Atmosphäre, also die Theorie der Wechselwirkung zwischen Raum und Befindlichkeit, basierend darauf, dass Dinge die einen Raum bilden, keine abgeschlossenen Einheiten sind. „Wenn ich in einen Raum hineintrete, dann werde ich in irgendeiner Weise durch diesen Raum gestimmt. Seine Atmosphäre ist für mein Befinden entscheidend. Erst wenn ich sozusagen in seiner Atmosphäre bin, werde ich auch diesen oder jenen Gegenstand identifizieren und wahrnehmen.“1

 
Die Akteure der Urban Exploration-Szene erkunden auf ihren Streifzügen die geschichtlichen, aber vor allem die atmosphärischen Eigenschaften der Orte. Die Kulturwissenschaftlerin Sadie Plant sieht hier unter anderem eine Nähe zum Happening und der Enviorment-Kunst in diesem „postmodernen Spiel in den Ruinen einer vergangenen Industriewelt“2, auch wenn es sich nicht nur auf Industrieruinen beschränkt. Die Alltagsräume werden quasi zu Kunsträumen erklärt. Die Praxis der Urban Exploration bezieht sich dabei auf ganz spezifische Orte. Ohne verfügbare Orte, in diesem Fall die Leerstände, würde es kein Moment geben. Die leerstehenden Orte bekommen, wenn auch nur kurz, eine neue Rolle als Erlebnisort oder, wie in der Fotografie, als Model zugeteilt und werden so neu genutzt und belebt.

 
Aleida Assmann schreibt in Erinnerungsorte (2003) darüber, wie die Geschichte in einen Schauplatz hineinwandern kann. In den Mauern der Lost Places ist die Geschichte, welche in ihnen stattgefunden hat, noch spürbar, teilweise sogar sichtbar. Die Raumexploration der Szene ist nicht nur eine Auseinandersetzung mit dem Raum und seiner Atmosphäre sondern auch mit seiner Geschichte. Natürlich kann die Geschichte einen Ort nicht nur definieren, sondern ihn auch einholen. Das prominenteste Beispiel ist sicherlich der Reaktorunfall 1986 in Tschernobyl. Die heute 30 Kilometer breite Sperrzone um den Unglücksreaktor zieht neben gewöhnlichen Touristen auch Urban Explorer an, allem voran die Stadt Prypjat nur etwa drei Kilometer entfernt des Kraftwerks.

„Wo hat man denn sonst die Möglichkeit, eine komplett unbewohnbare Stadt aus dem Kommunismus zu besuchen? Allein was da für Geschichten dahinter sind, es steht ja noch alles da. […] Als Katastrophentourismus empfinde ich das nicht, klar ist es schlimm, was da passiert ist, aber ist genau das Gleiche wie bei den ganzen Nazi-Bauten. Der Geschichte muss man sich schon bewusst sein, aber man sollte nicht alles daran festmachen, man kann trotz der Vergangenheit dorthin gehen und Bilder machen, ohne da irgendwie ein schlechtes Gewissen zu haben, ich verstehe da das Problem der Leute nicht […]. Die Atmosphäre ist da einfach eine andere“3

 

Die Geschichte eines Ortes hängt also in einer gewissen Form mit der Atmosphäre zusammen. Es sind Ereignisse, Erinnerungen aber auch Zusprechungen von außen, die Orte definieren können. Diese Aufladung mit gesellschaftlicher Bedeutung wird jedoch nicht als Inhalt, sondern als Atmosphäre wahrgenommen. Auch Aleida Assmann schreibt wie die Geschichte Orte prägt und in die heutige Zeit hineinreicht und diese mitgestaltet. Jedoch beschreibt Assmann nicht die atmosphärische Wirkung, sondern die symbolische. Die Geschichte, die dort stattgefunden hat, bleibt am Ort präsent. Das gilt nicht nur für Denkmäler, sondern auch für Ruinen. Sie geben etwas über sich preis, dass das „Hier und Jetzt“ übersteigt.4 Diese Vorstellung von sprechenden Orten bildet sich in Europa bereits während der Romantik. Dort finden sie ihren Eingang vor allem in der Literatur und Theater.

Assmann zieht außerdem den Vergleich der „sprechenden Orte“5 mit den magischen Orten genuiner Kulturen. Während der Romantik wurden Orte „reauratisiert“6, als Orte, an denen die verschollene Zeit wieder zur Erscheinung kam. Ein popkulturelles Symbol kommt den sprechenden Orten mit dem Schlossgespenst zu, welches die Ruinen auf morbide Weise belebt. 7

Die Locations der Urban Explorer teilen nicht immer zwingend diesen Hintergrund, gerade wenn es keine bekannte Geschichte dazu gibt, aber die Wahrnehmung der Atmosphäre und die mit ihr verbundenen Geschichte ist auch ein sehr persönlicher Eindruck.

 

1 Böhme, Gernot: Atmosphäre. Essays zur neuen Ästhetik, Frankfurt am Main 1997, 15
2 Plant, Sadie: Clubszene oder die Starrlose Leere, in: Cool Club Cultures. Kunstforum International Bd. 135, Köln 1997, 130 zit. n. Schwanhäußer, Anja. Kosmonauten des Underground. Ethnografie einer Berliner Szene, Darmstadt 2010, 109
3 Interview mit M.
4 vgl. Assmann Aleida: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. München 2003. 315
5 Assmann, 321-322
6 Ebd. 322
7 vgl. Schwanhäußer, Anja: Kosmonauten des Underground. Ethnografie einer Berliner Szene, Darmstadt 2010, 145

 

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