Ba. Roach: Ein bisschen Geschichte

dr.roach

Und weiter geht’s: Heute möchte ich euch kurz ein paar Streiflichter und Anekdoten zur Szene erzählen, zumindest soweit diese nachvollziehbar sind. Wieder einmal basierend auf dem Buch Access all areas von Jeff Chapmann, dem ich (hoofentlich) bald einen eigenen Beitrag widme. Ich verwende der Einfachheit halber nur den Begriff Urban Exploration und unterscheide nicht zur Rual Exploration 😉 Die Begriffserklärung gibt es hier.

Eine Einordnung aus historischer Sicht ist gerade im deutschen Sprachraum aber etwas schwieriger. Hier haben wir vor allem Spuren in der Industriearchäologie, die sich in den 60ern als interdisziplinäres Fach entwickelte. Sie befasst sich mit der systematischen Erfassung, der möglichen Erhaltung sowie der wissenschaftlichen Auswertung materieller Objekte der industriellen Vergangenheit. Diese Disziplin schließt aber wie der Name sagt vor allem Industriebauten ein. Falls sich jemand für das Thema interessiert, ich empfehle den Sammelband: Industriearchäologie. Nord-, Ost-, Südtirol uns Vorarlberg, herausgegeben von Christoph Bertsch. Dieses Buch greift zwar nur ein bestimmtes geografisches Feld auf , die Beiträge sind aber grundsätzlich informativ und spannend, mir persönlich taugt der Beitrag zur Brennerbahn am meisten. 😉

Wer mit dem Konzept der Urban Exploration angefangen hat, darüber scheiden sich die Geister bzw. werden die Anfänge mehreren Gruppen im englischsprachigen Raum zugeordnet.

Je nachdem wie weit man den Bereich eingrenzt was Urban Exploration nun wirklich ist könnten wir die Anfänge bereits 1793 mit Philibert Aspairt festmachen. Gerne als der erste „Cataphile“ bezeichnet, verirrte er sich mit Kerzenlicht in den Gängen der Pariser Katakomben. Sein Körper wurde 11 Jahre später gefunden. Seinen Grabstein kann man auch heute noch im illegalen Bereich der Pariser Katakomben sehen. Warum und Wieso ist hingegen weiterhin ein Rätsel. In den 1960ern forderte die linke Künstler- und Intellektuellengruppe Situationistische Internationale, ebenfalls eine französische Gruppe eine neue Wahrnehmung städtischer Wirklichkeit, die „hinter den Fassaden einer gezähmten urbanen Umgebung echte Abenteuer“ erkennen solle.

1977 ist ein Zeitpunkt, an dem wir eine der ersten Gruppen festmachen können: Der Suicide Club in San Francisco zählt „fringe exploration“ zu seinen Zielen. 1986 gründen Doug, Sloth und Woody in Melbourne den Cave Clan, welcher sich neben natürlichen Höhlen auch Abwasserkanälen zuwendet. 1989 gibt der Cave Clan seinen ersten eigenen Newsletter heraus. Ab 1994 beginnen diverse Gruppen öffentliche Auftritte in Form von Websiten zu generieren. Jeff „Ninjalicious“ Chapman gibt 1996 die erste Ausgabe des Magazins Infiltration: the zine about going places you’re not supposed to go heraus. Im Editorial wird der Begriff Urban Exploration zum ersten Mal mit der Idee „off-limits areas“ als Hobby zu erkunden verwendet. In Deutschland gründet sich 1997 der gemeinnützige Verein Berliner Unterwelten. Dietmar und Ingmar Arnold geben ein Jahr später den Führer Dunkle Welten heraus, welcher sich mit dem Berliner Untergrund beschäftigt. Avatar-X stellt 2002 die Website und ein Forum unter dem Namen Urban Exploration Resource online, schnell beginnen vor allem kanadische Seiten auf das Forum umzusteigen. Auch heute ist die Seite eine der aktivsten zum Thema.

2005 kurz vor seinem Krebstod veröffentlicht Jeff Chapman das Buch Access all areas: a users guide to Urban Exploration, welches von vielen (zumindest im amerikanisch-kanadischen Raum) als eine Art Bibel gesehen wird.

Das Interesse an Lost Places stieg in den letzten Jahren nochmal massiv an, etwa ab 2012  erfährt die Szene einen neuen Aufschwung. Den größten Boom gab es etwa 2014, ab diesen Zeitpunkt vermehrten sich vor allem in sozialen Netzwerken und auf Videoplattformen die Inhalte zu Lost Places. Den Aufschwung kann man durch das wachsende mediale Interesse erklären. Dokumentarsender (und alles was sich dafür hält) haben die Profitmöglichkeit ebenso erkannt wie Verleger oder YouTuber, welche eigentlich keine Urban Exploration betreiben. Das Internet macht die Möglichkeit der Suche nach Orten immerhin einfach.

Unsere heimische Szene in Österreich ist aber auch sehr aktiv. Wir haben einige der bekanntesten Urbexer im deutschen Raum. Thomas Windisch ist sicher einer unserer bekanntesten Vertreter und auch medial gut bekannt. Auffällig ist, dass die Szene im Vergleich zu ihrer Größe (was aber wohl gemerkt auch daran liegt, dass wir ein kleines Fleckchen Erde sind) sehr aktiv ist.

Und nach so viel Text noch ein kleines Fundstück: 2003 hat Max Action vom Action Squad einen kurzen Song mit dem Titel „UE Favorite Things“, veröffentlicht. 😉

Cheers!

Literatur:
Jeff Chapman: Access All Areas: a user’s guide to the art of urban exploration, Toronto 2005
Eigenes Feldtagebuch

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