Urban Explorer – eine humoristische Klassifizierung…

… oder eine sarkastische Abrechnung

Fand diesen Text eines Urbex-Kollegen ganz nett, ich wäre wohl ne Mischung aus Nummer 3 und ein bisschen von 5 xD

„Diese überaus wissenschaftliche und fundierte Abhandlung stellt eine Klassifizierung der Gattung des gemeinen Urban Explorers (lat.: Urbanus investigator), auch Urbexer, Explorer oder in manchen Fachkreisen auch Schleicher genannt, dar.Aufgrund der ständigen Weiterverbreitung dieser einst seltenen Spezies hat ein umfangreiches und hochqualifiziertes Forscherteam (bestehend aus mir) jahrelange anthropologische und soziopathische Studien eingeleitet und zur Unterscheidung der verschiedenen Unterarten eine Kategorisierung und Klassifizierung begonnen. Hier geht es um die Darstellung der Untersuchungen, die sich auf die Entwicklung in verschiedenen Internetplattformen bezieht, da die Gattung des Urbanus Investigator generell als scheues Wesen gilt, welches ungesehen erscheint und spurlos verschwindet und es somit nur in Rudeln im Schutze der Anonymität von leicht einsehbaren Internetforen oder Homepages mit hohem Suchmaschinenranking auftritt, um wirklich unentdeckt zu bleiben.

Eine Hauptgliederung kann wohl in folgende Gattungen gemacht werden: „Der Fotograf“, „der Abenteurer“, „der Geschichtsinteressierte“, „die Labertasche“ , „der Meckerkopp“, „der Neue“ und „der Rest“.

Die Grenzen zwischen den einzelnen Gattungen sind oft fließend, weshalb nur die Eigenarten einzeln benannt werden.

„Der Fotograf“ zeichnet sich durch die Suche nach dem besten Bild aus. Er ist oft mit Unmengen an Gepäck unterwegs und wird gerne mit einem Maultier oder je nach Location aufgrund der starken Beleuchtung auch mit einem entgegenkommenden Zug verwechselt. Im Endeffekt ist er ein freundlicher und ruhiger Geselle, tritt aber schlagartig nach Besuch eines Lost Places und stundenlanger Bildbearbeitung, die trotz der modernen Technik in filigraner Feinarbeit im dunklen Zimmer und von der Außenwelt abgeschottet vollführt wird, in Aktion und präsentiert Unmengen an Bildern. Informationen zu den Locations werden oft mit der Begründung, dass man sie dann sofort findet, ausgespart. Eine Hypothese dazu wäre, dass meist keine Informationen vorliegen und da die Bilder im Vordergrund stehen sollten, eh nur von den Meisterwerken ablenken würden. Regelrecht tollwütig wird der Geselle aber, wenn man die an gleich mindestens 20 Orten geposteten Bilder an der falschen Ecke kritisiert. Somit ist auch vor der ruhigen Gattung, Vorsicht geboten! Aufgrund der immer weiter verbreiteten Technik und dem hohen Konkurrenzdruck, sieht sich der Fotograf mittlerweile scheinbar gar nicht so selten dazu gezwungen, seine Bilder zu stellen. Angefangen mit dem traumhaften Motiv von der Brille auf einem alten Buch oder Brief hat sich ein regelrechter Wahn ausgebreitet, die Orte nach belieben umzustellen, Tische und Bänke zu verschieben und nichts mehr so zu lassen, wie es war, damit man auch bloß ein Bild hat, wie es nirgends anders zu bestaunen ist. So wird vermutlich in folgenden Ausführungen eine weitere Gattung hinzukommen: „Der Möbelpacker“.

„Der Abenteurer“ hingegen ist der Fotografie ganz oder fast ganz fern. Wenn überhaupt werden Bilder mit einer Kompakten geschossen, die eher dem Beweis der mutigen Tat oder der Dokumentation gelten. Allgemein schmeißt sich der Abenteurer in jedes dreckige Loch, so dass jede Mutter vermutlich ein Gebet sprechen würde, dass er aus dem Alter raus ist, die Wäsche von ihr waschen zu lassen und er ist für jeden Mist zu haben. So werden manchmal auch aus Touren im ausklingenden Tageslicht ausgedehnte Spaziergänge oft gleichgeschlechtlicher Partner, mit dem Vorwand einen Bunker oder eine U-Verlagerung zu suchen… wie gesagt, er ist für alles zu haben. Der Abenteurer ist aber noch weiter zu unterteilen. Einerseits in den Abenteuerer, der seinen Adrenalinspiegel in immense Höhen steigen lässt, indem er sich waghalsig in die kleinste Felsspalte abseilt, die höchste Stelle erklimmt oder am besten noch in ein mit Kameras gesichertes Gelände, welches nur durch Graben und Klettern und am Ende noch durch Tauchen erreichbar ist, begibt, wobei die Session am Ende am besten mit einer wilden Verfolgungsjagd endet. Andererseits gibt es noch den Abenteurer, der weniger Dinge tut, die seiner Gesundheit schaden, sich nur für den „Ruhm“ in die kalkulierbare Gefahr begibt, um am Tagesende selig von seinen Indiana-Jones-ähnlichen Heldentaten zu erzählen, zu prahlen, wie er einer Hundertschaft Polizisten entkommen ist und um zu hören, wie toll er eigentlich ist, auch wenn es meist am Ende nur von ihm selbst ausgesprochen wird. Schade, dass ihm die James-Bond-Geschichten mit dem Martini und dem Vernaschen von heißen Frauen oder das abwehren von Zombiehorden oder Rambo-like das Töten von einer unzählbaren Anzahl an Menschen keiner abnehmen würde, sonst würde man bei den Erzählungen eine komplette Reise durch die Hollywoodfilmgeschichte miterleben.

Am Unauffälligsten ist wohl die Gattung des „Geschichtsinteressierten“. Er schaut sich meistens voller Interesse die Bilder des Fotografen an, die Ausführungen des Abenteurers und füllt dann gemächlich wie er ist, die Beiträge mit Informationshäppchen und dem Zusatz „habe ich mal gelesen“ oder „hat mir ein älterer Mitbürger erzählt“. Man will sich ja nicht festlegen, wo die oft in wenigen Sätzen zusammenfassbaren und von einem fast unbekannten Online-Lexikon kopierten Erkenntnisse angelesen wurden. Dennoch sind sie unerlässlich für die Spezies Urban Explorer. So liefern sie durch ihre halbgegarten Informationen den Abenteurern entweder einen Grund meilenweit durch den Matsch zu robben, meist aber jedoch für eben genannte Spaziergängen. Besonders interessant wird es, wenn sie auch mal abenteuerlich sein wollen. Dies schaffen sie meist vom Schreibtisch aus über endlos lange Spekulationen über Belüftungen und den Gedanken, dass man doch irgendwo mal gehört hat, dass da mal was gewesen sein könnte und vor allem aber auch durch ausgedehnte Spekulationen über den Nutzungszweck oder den Umfang von dargestellten Anlagen, bei denen auch gerne angelesenes Wissen über Technik und Verschwörungstheorien mit einfließen, da es ja nicht immer so einfach ist, die unzähligen Quellen zu sondieren und auf seinen Wahrheitsgehalt zu prüfen. Eine ganz besondere Unterart der Gattung ist der „politisch-orientierte Geschichtsinteressierte“, der die Ausführungen und Spekulationen meist in einer ganz besonderen Lautsprache (oder es ist reiner Zufall, dass die Feststell-Taste bei der Unterart kaputt und die 1, bzw. in dem Fall die Taste für das Ausrufezeichen klemmt und somit zu einem Rudeltier wird) übermittelt und durch Parolenschwingerei, Kritik an der Gesellschaft, der Politik und dem Heimatland auffällig wird, sich aber lieber in 60 Jahre alte Schutzanlagen verkrümmelt anstatt selbst etwas konstruktiv zu ändern oder es wenigstens zu versuchen. Da ist der Weg in die Vergangenheit natürlich wesentlich einfacher, mit dem Stahlhelm auf dem Kopf auf die Wiedergeburt des Heilands zu warten, einen Dosenvorrat anzulegen, der für 2 Weltuntergänge reicht und mit einem Nachbau einer Schnellfeuerwaffe (für eine echte Waffe oder den Dienst an der Waffe waren die meisten eh nie tauglich) im Arm, wohlig auf die Russen zu warten.

Die wohl tödlichste Gattung ist dann jedoch „die Labertasche“. Auch wenn sie oft fundiertes Fachwissen ausstrahlt, viel kennt und eh alles weiß, sollte man sich vor dieser Gattung wirklich in Acht nehmen. Einmal das Wort ergriffen, ist der uninteressierte Beobachter oft in den Strudel des Unendlichen Wortschwalls geraten und kann sich aus den Fängen des professionellen von Höckschen-auf-Stöckschen-kommers so schnell nicht wieder befreien. So wird aus einfachen Fragen schnell ein umfangreicher geschichtlicher-biologischer-kultureller-technischer Exkurs bei dem neben der an ein Objekt angrenzenden Flora und Fauna, der Wohnlage der Gegend, den alten Stollen und Zechen (es gibt vor allem im Ruhrgebiet, wo sich die Gattung bevorzugt aufhält so wenige) so ziemlich alles behandelt, immer wieder mit Querverweisen zu anderen interessanten Orten, die die Labertasche aber ruhigen Gewissens weitergeben kann, da nach spätestens einer Minute entweder der Kopf vom gegenüber schwirrt oder sogar schon abgeschaltet hat und somit nicht mehr aufnahmefähig ist, gepaart mit dem unablässigem Kommentar: „aber das würde hier nun zu weit führen“. Eine Flucht wird empfohlen wenn zwei Labertaschen aufeinander treffen. Es gibt Gerüchte, dass Zuhörer bei einem solchen Treffen binnen Sekunden ins Koma gefallen sind, da die Gehirnwindungen bei dem stundenlangen Gefasel, auf dass sie sich bereits eingestellt hatten, welches natürlich ohne roten Faden von statten geht und großflächig alle Themenbereiche, Länder, Kulturen und Religionen abdeckt und obwohl es als Gespräch über ein Objekt begann im Niemandsland endet, schlichtweg den Dienst einstellen, die Grauen Zellen flüchten und sich die Synapsen freiwillig blockieren, damit sie von dieser Foltermethode verschont bleiben.

Interessanterweise hat die Gattung des „Meckerkopps“ an der Labertasche wenig bis gar nichts auszusetzen, da zwischen dem ausschweifenden Gerede wenigstens ab und an noch Informationen versteckt sind. Sonst ist diese Gattung einfach und schnell beschrieben. Sie hat an allem und jedem etwas auszusetzen. Generell verstehen sich nur Meckerköppe untereinander. Oft schließen sie sich dann in Gruppen zusammen, gründen ihre eigenen Seiten, nennen sich dann „Team“ und das eigentlich nur um im Moderatorenbereich über alles und jeden ihrer Bestimmung nachzugehen: Dem Meckern. Generell können sie alles besser als die anderen Gattungen und sind sowieso die besten und klügsten. Besonders kluge Einzelexemplare führen ihr Gemecker und Gezeter dann sogar noch in ihrem Forum weiter aus, weil es ihnen nicht reicht es im geheimen zu tun oder tragen es sogar über die sogenannten Social Networks soweit in die Welt hinaus, dass es auch jeder und vor allem der, der angesprochen wird, mitbekommt. Überaus beliebt ist bei den hochintellenten dieser Gattung, lästernde oder verunglimpfende Beiträge in Kommentaren zu schreiben, die öffentlich an jemanden gehen, der mit dem, über den Gemeckert wird, befreundet ist. Interessant ist die Feststellung, dass selbst eigene Taten stets anderen in die Schuhe geschoben werden, sobald sie aber selbst ins Visier geraten, schnell von gerichtlichen Folgen oder von Gewaltandrohungen die Rede ist. Anzumerken ist eine Minderheit der Meckerköppe… diese meckern zwar auch über alles und jeden und versehen sogar Foren anderer mit ihren missmutigen Kommentaren… das wirklich schlimme dabei ist aber, sie haben recht.

Bei der Gattung des „Neuen“ werden vermutlich einige aufschreien, dass dieser Gattung jeder mal angehörte. Dies ist prinzipiell richtig, dennoch in dieser Ausführung absolut falsch. In diesem Falle ist von den Neuen die Rede, die immer die Neuen bleiben werden und sich niemals in eine der anderen Gattungen eingliedern. Meistens haben sie nichts sinnvolles zu sagen, meinen aber sie hätten es. Eine durchaus positive Eigenschaft an ihnen ist, dass sie sehr direkt sind. Auch wenn sie sich meist vorsichtig heranpirschen, halten sie sich nicht mit gesellschaftlichen Gepflogenheiten wie einer Begrüßung auf, sondern schnellen sofort mit ihrer scheinbar einzig wirklich deutschen Sprachkenntnis hervor: „Ich suche…“, „Kann mir mal jemand helfen…“ oder „Ich will Adresse“ sind wohl nur eine Auswahl ihres immensen Wortschatzes. Aber was wirklich gut an ihnen ist… die anderen Gattungen erkennen sie sofort, beobachten sie, schließen sie aus der Herde aus… und das allerbeste: Sie selbst merken es nicht mal oder verstehen es nicht. Haben sie dann doch einen Glückstreffer gelandet, entdecken sie auf einmal unglaubliche Möglichkeiten der deutschen Sprache und wollen natürlich ausführlichst darüber berichten: „War voll geil“, „Will wieder“ oder „War voll aufregend (übersetzt: Eigentlich hab ich mir die Buchse randvollgemacht, aber das würde ich hier nie zugeben)“ sollen in diesem Falle die Beispiele darstellen. Wider der Erwartung auf Besserung ist aber der Wortschatz auch hier schnell aufgebraucht und es wird wieder zu den bereits erwähnten Vokabeln gegriffen…“Ich suche….“ „Dann such auch und frag nicht du Pappnase!“

Die Gattung, „der Rest“, scheint durchaus weithergeholt zu sein. Aber um ehrlich zu sein, gibt es diese auch nicht wirklich. Die meisten, die sich mit dem Verlauf der Szene befasst haben, dürften wissen, welchen Rest ich meine und darum nur an alle, die sich in diesem lustig, aber auch kritisch gemeinten Text nicht irgendwo hoffentlich schmunzelnd wiedergefunden haben:

Verpisst euch aus den Lost Places ihr Kabel-und sonst-was-klauenden Arschgeigen! Haut endlich ab, ihr Müll-um-euch-werfende Drecksäcke! Haut eure Köppe gegen die Wände, ihr Hirnlosen Vandalen! Gebt doch mal Fremden eure Adressen mit Bildern, was alles bei euch zu holen ist, ihr idiotischen Adressenspammer! Und damit meine ich auch die, die sich Urban Explorer nennen und keine sind! Daher ist es ja die Gattung „der Rest“ und nicht, alle Idioten außer Urban Explorer! Aber Urban Explorer kann nur sein, wer sich an den Kodex hält!

In dem Sinne: „Take nothing but pictures, leave nothing but footprints“

Euer fotografierender, durch den Dreck robbender, geschichtsinteressierter, vielquasselnder, allseits-meckernder Urban Explorer“

Zitat -> Shadowrunner
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