Bahntrassenwege

Von Brenner über Gossessass nach Sterzing

Die Strecke mit dem Fahrrad über den Brennerpass nach Bozen ist eine wichtige Route für Italienfahrer. Der asphaltierte Radweg auf der ehemaligen Bahnstrecke zwischen der Passhöhe und Gossensass (Colle Isarco) führt durch zwei Tunnel und bietet atemberaubende Blicke ins Wipptal und auf die Berge des Pflerschtals. Etwa 11 km lang ist die Strecke vom Brenner bis zur Kehrschleife im Pflerschtal. Dort verlässt der Radweg die Trasse und führt recht steil hinab zum Pflerscherbach. Abseits der Straße führt ein schöner neuer Radweg durch das Tal nach Gossensass (16 km von der Passhöhe aus).

Der Abschnitt von Gossensass nach Sterzing (6,5 km) ist leider nicht so gut gelungen. Nach Überquerung der Brenner-Staatsstraße führt ein neuer, asphaltierter Radweg über Oberried und Unterried zum alten Zoll. Ein steiles Auf und Ab endet schließlich doch auf der Brennerstraße, etwa 1,5 km bis Sterzing muss man gefährliche Straße benutzen. Es wundert nicht, dass einige Radler gleich auf der Straße fahren.

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Ein trüber Tag empfängt mich am Brenner. Der Wind pfeift mir durch die Löcher des Helmes, es ist kalt…wobei hier oben ist es immer kalt. Ich befinde mich am wohl tiefsten Pass der Alpen zwischen Österreich und Italien. Die Wolken ziehen auf und ich bin wirklich froh um meine Regenjacke.

Im Gegensatz zu den beschäftigten Arbeitern und Reisenden wirken die meisten der Gebäude verwaist oder zumindest vernachlässigt. Durch die völkerrechtswidrige Annektierung des südlichen Bereiches von Tirol durch Italien ist der Brenner seit 1919 Staatsgrenze.

Die Schalterbeamten wurden durch Automaten und Entwerter ersetzt (eine Entwertung also im wahrsten Sinne des Wortes), das Mandl mit seinem Wagerl mußte einer „Self Bar“ weichen. Auch die Wechselstube machte mangels Betätigungsfeld zu, Zoll im eigentlichen Sinne einer Personen- und Gepäckkontrolle ist auch nicht länger relevant.
Dafür arbeitet jetzt doppelt so viel Personal wie normal an den Maschinen. Ein Ort des Wohlfühlens war der Bahnhof am Brenner nie wirklich, aber er hatte „menschlichere Züge“. Wenngleich man sich heute freier bewegen kann und die Staatsgrenze nicht mehr so spürbar ist.

Schengen hat den Ort den Rest gegeben. Der EU Eintritt Österreichs führte zum Ausgleich der preise durch den Euro. Das billige Einkaufsparadies machte nur noch wenig Umsatz. Der Ort stirbt langsam aus. Oberhalb des Ortes rauscht die Brennerautobahn vorbei. Letzter Lichtblick war das neu eröffnete Outlet aber auch das wirkt eher wie ein verlassenes Kaufhaus. Die neusten Pläne sind jene für den Brenner als „lebende Raststätte“ Die verfallenen Gebäude am südlichen Ortsrand werden gerade abgerissen um dort ein Cafe mit angrenzenden Spielplatz gebaut. Die Wohnungen der Eisenbahner werden heute als billige Sozialwohnungen verkauft. Ob man diesen Ort noch einmal Leben einhauchen kann bleibt fraglich.

Anm.: Die Bilder vom Brenner stammen vom September, ich hab mich diesmal nicht lang im Ort aufgehalten!
Ich werde bald einen eigenen Eintrag über das Dorf verfassen ^^

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Auf nach Süden!

Am südlichen Ende des Dorfes direkt neben dem Sportplatz startet der neu Asphaltierte Radweg.
Ziel ist Gossensass, oder Colle Isarco wie es auch angeschrieben steht, an der Einmündung des Pflerschtales in das Wipptal, wohin mich der vor 2 Jahren eröffneten „Eisacktalradweg“ führen soll. Dieser Radweg ist eine gute Sache und zeigt, daß man historisches Kulturgut, wie man so eine Bahnstrecke mit Fug und Recht bezeichnen kann, auch sinnhafter/nachhaltiger nutzen kann als es bspw. unsere Staatsbahn am Tauern gemacht hat.

Kurze Anmerkung zum Fahrkartenkauf: Es ist eine Qual! Es ist momentan NICHT möglich bei der ÖBB Tickets nach Italien zu kaufen, außer bei den Zügen der ÖBB/DB Richtung Verona. Also eigentlich ist es nur möglich die überteuerten Fernverkehrstickets der ÖBB zu kaufen und somit zahlt mann einen wesentlich höheren Preis als bei den eigentlichen Streckenpreisen in Italien. Nur soviel als Ergänzung: Die eigentlich teureren Fernverkehrstickets der ÖBB/DB gelten (scheinbar) nicht im Regionalzug. Der Beamte in der Lounge in Innsbruck berichtete, daß jemand dafür 240 Euro Strafe zahlen sollte (mußte?). Man muß sich genau erkundigen mit welchem Fahrschein man wo wie welchen Zug benutzen darf. Was südlich des Brenners schwierig wird, da ist oft gar niemand mehr im Bahnhof.

Nach einem großen Willkommensschild „Willkommen in Südtirol / Alto Adige“ sehe ich schon den Pfeil, der auf den Radweg hinweist. Auch die Bunker mit den Schießscharten rechts des Weges, einst mit todbringenden Waffen gegen uns Österreicher gerichtet
Auch wenn man bis zum Brennerbad immer auf separatem Weg radeln oder wandern kann, so ist die erste Teilstrecke von ca. 5 km doch die langweiligste, geht man doch immer quasi auf dem 4. Verkehrsstrang eng angelehnt rechts der Autobahn, der Brennerbahn und der Staatsstraße. Rechts des Radwegs fließt als kleines jungfräuliches Rinnsal der Eisack.

DSC01860_1 und los gehts!
DSC01861_1 Blick auf das Brenner Dorf
DSC01862_1_1 Relikte aus vergangener Zeit

Das Brennerbad

Das Brennerbad oder Terme di Brennero war einst ein Heilbad, welches aufgrund des regen Zuspruchs aus den „besseren Kreisen“ auch eine eigene Schnellzugsstation bekam. Dann folgte ein Grandhotel. Henrik Ipsen, Franz Lehár, Richard Strauss waren u.a. hier auf Kur. Alles ist längst Geschichte – das Grandhotel brannte schon in der Zwischenkriegszeit ab, der Bahnhof, später zur Station heruntergestuft, wurde in unsensibler Weise beim Bau des in unmittelbarer Nähe beginnenden neuen Pflerschtunnels vollkommen vernichtet. Zuvor hat schon der Bau der Autobahn den noch vorhandenen Gebäuden das Leben gekostet. Vorbei ist es mit der noblen „Idylle im Fichtenwäldchen“, wie die Örtlichkeit früher angepriesen wurde. Die Station Brennerbad wurde 1978 aufgelassen. Die Gebäude verfallen und bis auf den Gasthof „Silbergrasser“ sieht alles sehr marode aus.

Die Sanct Zacharias Heilquelle allerdings gibt es noch, welche in das wiederverwendete Kurhaus geleitet wird. Scheinbar wird auch in geringer Menge Wasser abgefüllt.

DSC01863_1 Der Radweg umläuft die Höfe am Brennerbad
brennerbadhistorisch Historische Postkarte des Brennerbades

Auf der Trasse

Es geht auf einer langen Geraden direkt neben der Staatsstrasse weiter, dann endlich löst sich die alte Trasse von der Staatsstrasse und der Autobahn. Die Autobahn zieht an der anderen Talflanke hoch oben und natürlich vom ganzen Tal aus sichtbar weiter, die alte Bundesstrasse zieht in Serpentinen direkt hinab nach Gossensass. Das kann die Eisenbahn allerdings bekanntlich nicht, außer sie hätte Zahnstangen. Daher zieht das Trassee kilometerlang entlang der Lehne das ganze Tal ausnutzend und dann noch unter zusätzlicher Ausnutzung des einmündenden Pflerschtales (Alter Pflerschtunnel, ein Kehrtunnel) langsam aber sicher nach unten. Diese geniale Taktik der alten Eisenbahningenieure stellte sicher, daß die Neigung der Brennerbahn maximal nur 25 Promille, auf der Südrampe max. 22,50 Promille ausmacht. Und den Reisenden war vergönnt, sich an der prächtigen Landschaft zu erfreuen, anstatt in einer finsteren Röhre mit verschlagenen Ohren kämpfen zu müssen wie heute.

Radfahrer waren nur wenig unterwegs. 3 Radler kamen mir über den Weg, alle in die andere Richtung. Sieht man von den Tunnels sowie dem Bahnhofsgebäude in Schelleberg / Moncucco ab, gibt es überraschend wenig Eisenbahn-Relikte zu entdecken. Auf österreichischer Seite gibt es alle Kilometer eine Stein, scheinbar wurde wirklich alles lückenlos entfernt.
Bis Schelleberg radelt oder wandert man durch 2 Tunnels durch, die mit automatischer Beleuchtung versehen sind. Sehr löblich. Weiters machen die Hänge und vor allem Tunnelportale einen sehr gut gegen Steinschlag geschützten Eindruck. Das beruhigt. Die Länge der Tunnels ist angeschrieben, die Namen sind bis dato unbekannt.
Die Tunnels lassen sich auch über Treppen umgehen. Ehemaliger militärischer Grund?

Nach Tunnel 1 ein Bahnwärterhaus mit schnatternden Gänsen, einer Katze, großes Durcheinander. Eine Frau mit zwei Hunden begegnete mir. Auf meine Frage wer das Häuschen bewohnt konnte sie mir nicht antwortet. Sie selbst kommt aus Gossenssass und gab mir noch ein paar beiläufige Informationen über den Bahnhof Schellenberg der nur noch wenige Meter vor mir lag.

DSC01864_1_1 Der erste Tunnel kommt in Sicht
DSC01865_1 Das andere Ende des Tunnels und das suspekte Warterhäuschen
DSC01867_1 Noch ein Relikt aus der Eisenbahnzeit, leider Verfällt es…schöner Blick ins Tal, die Autobahn im Hintergrund

Schellenberg

Der Bahnhof von Schelleberg/Moncucco macht einen bedauernswerten Eindruck – noch steht der integrierte hölzerne Wasserturm. Bleibt abzuwarten was aus der einst von zahlreichen „hochwohlgeborenen“ und bekannten Persönlichkeiten frequentierten Station werden wird. In der Hochzeit war es ja so, daß zahlreiche Reisende in Schelleberg ausstiegen und den Weg direkt hinab nach Gossensaß zu Fuß zurücklegten, während der Zug noch kilometerlang weiter den Talkessel ausfuhr. In Gossensaß stiegen sie dann wieder zu. Alle Bahnhöfe an der Strecke wurden übrigens von Architekt Wilhelm von Flattich (1826-1900) entworfen. Der Haltepunkt Schelleberg wurde wie die Station Brennerbad 1978 aufgelassen. Von der Nutzung als Jausenstation für hungrige und durstige Radler und Wanderer ist noch nichts in Sicht. Eine Schande!

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DSC01870_1_1 Lange hatten sich hier Jugendliche eingenistet aber auch diese haben den Bahnhof mittlerweile verlassen
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Von Gossenssass nach Sterzing

Weiter geht es und ich erreiche den alten Pflerschtunnel. der Radweg biegt links ab. Einen Abstecher in den dunklen Tunnel habe ich nicht gewagt. Der Rest des Radweges verläuft Steil nach unten. Durch Außerpflersch geht es dann nach Gossessass. Dort hat man die Wahl entweder mit dem Zug nach Innsbruck zurück oder den Radweg weiter Richtung Sterzing, Brixen bis Bozen. Ich fuhr weiter, da ich sonst 3 Stunden hätte auf meinen Zug warten müssen. Also weiter nach Sterzing! Hier habe ich mir die Bilder erspart. Der Radweg hier führt großteils über die Schnellstraße und das Italiener nicht die besten Autofahrer sind wissen wir ja.^^

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DSC01890_1_1 Die Markierungen fangen in Verona an, also befindet sich dieses Häuschen 228 km von Verona entfernt.
DSC01891_1 Der alte Pflerscher Tunnel, der Radweg läuft links vorbei
DSC01892_1 Es geht steil abwärts Richtung Gossenssass, der Weg ist gut beschildert
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DSC01901_1 Das Zentrum von Gossenssass
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DSC01906_1 Der Bahnhof in Gossenssass macht einen guten Eindruck, bis auf den neuen Mittelsteig, würde in Österreich nie durchgehn! Schmal, schlampig gebaut und leicht hüglig und die gelbe Markierung auf die immer hingewiesen wird gibt es nicht (sie ist grau wie der Rest des Steiges)

Die Rückfahrt

Mit dem Zug ging es dann um 14:08 zurück zum Brenner. Die Fahrt erinnert mich an meine Reisen weiter in den Süden, wo die damals orangen Regionale auch so mit Karacho durch die Tunnels gebraust sind, die Fenster oft offen, ein Höllenspektakel. Jetzt sind die Züge grün und blau aber offenbar aufgrund der Leichtbauweise recht laut. Ich möchte nicht wissen was passiert, wenn es so ein Leichtmetallding im Pflerschertunnel „zerlegt“ und dann vielleicht noch ein schwerer Güterzug entgegenkommt. Überhaupt mit Steuerwagen voraus, der wirkt ja schon so total filigran.

Die Fahrt beträgt zu Glück grad mal 20 Minuten. Dann ging es in österreichischer Garnitur zurück nach Innsbruck!

DSC01909_1_1 Mit dem Fahrrad in einem Leichtbauzug fühlt man sich richtig wohl xD
DSC01914_1 Allein…Warteraum in Sterzing
DSC01915_1 Sterzinger Bahnhof
DSC00130 Manche Piktogramme…könnten besser gemacht werden xD
DSC00129 Italienischer Regio bei der Einfahrt

Cheers! : D

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